
Ritter Kuno und der Drache
Ritter Kuno war nicht der größte Ritter der Mark Brandenburg. Er war kurz, stämmig, hatte einen ordentlichen Schnurrbart und schaute meistens so, als hätte ihm jemand den Frühstücksbrei weggenommen. In der kleinen Stadt Gransee kannte ihn trotzdem jeder, denn Kuno passte gut auf.
Eines Morgens rannte ein Bauer über den Marktplatz.
„Ritter Kuno! Im Fichtenhain versteckt sich ein Drache! Er pustet Rauch zwischen den Bäumen hervor und hat meinen Apfelkuchen gestohlen!“
Kuno zog die Augen zusammen.
„Ein Drache im Fichtenhain? Und dann auch noch Kuchenraub? Das ist ernst.“
Also nahm Kuno sein rotes Schwert, stapfte mit kurzen Beinen durch Gransee und weiter hinaus zum Fichtenhain. Dort war es still. Nur die Blätter raschelten, und zwischen den Bäumen hing ein dünner Rauchschleier. Hinter einem alten Busch hörte Kuno plötzlich ein leises Schmatzen.
„Herauskommen!“, rief Kuno streng. „Ich weiß, dass du da bist.“
Langsam schob sich ein kleiner grüner Drache aus dem Gebüsch. Er hatte Krümel am Maul, hielt den halben Apfelkuchen fest und sah gar nicht gefährlich aus. Eher verlegen.
„Ich wollte niemanden erschrecken“, murmelte der Drache. „Ich habe mich nur im Fichtenhain versteckt, weil alle vor mir weglaufen. Und dann roch der Kuchen so gut.“
Kuno senkte sein Schwert.
„Man kann sich nicht einfach im Wald verstecken und Kuchen klauen. Man fragt vorher.“
Der Drache schaute auf seine Krallen. „Ich weiß nicht, wie man fragt. Wenn ich auftauche, schreien alle.“
Kuno kratzte sich am Schnurrbart. Dann nahm er den Kuchen, brach ein Stück ab und gab es dem Drachen zurück.
„Erst entschuldigen. Dann teilen. So macht man das in Gransee.“
Gemeinsam gingen sie zurück zum Markt. Die Leute staunten nicht schlecht, als Ritter Kuno mit dem Drachen aus dem Fichtenhain zurückkam. Der Drache verbeugte sich tief und sagte:
„Es tut mir leid wegen des Kuchens.“
Der Bauer seufzte, sah den Drachen an und nickte.
„Na gut. Aber beim nächsten Mal kommst du an den Stand und fragst.“
Seitdem versteckte sich der Drache nicht mehr im Fichtenhain. Jeden Samstag kam er nach Gransee, sagte höflich „Bitte“ und bekam ein Stück Apfelkuchen.
Und Ritter Kuno? Der passte weiter auf.
Besonders auf den Kuchenstand.
Schmatz!

