
Ritter Kuno und das verschwundene Glöckchen
Ritter Kuno passte gern auf die kleine Stadt Gransee auf. Er war nicht besonders groß, eher kurz und stämmig, aber er hatte einen ernsten Blick, einen schwarzen Schnurrbart und ein gutes Ohr für alles, was in der Stadt geschah.
Oben im Ruppiner Tor hing früher ein kleines Glöckchen. Wenn am Abend der Wind durch den Torbogen zog, bewegte sich ein dünnes Band, und das Glöckchen machte leise:
„Kling… kling… kling…“
Dann wussten die Kinder: Der Spieltag ist vorbei. Gransee kommt zur Ruhe. Jetzt geht es nach Hause, und bald ist Schlafenszeit.
Manche Kinder wollten natürlich noch weiterspielen.
„Nur noch einmal rennen!“
„Nur noch einmal verstecken!“
„Nur noch einmal um die Ecke schauen!“
Aber Ritter Kuno stand unter dem Ruppiner Tor, sah nach oben und sagte:
„Wenn das Glöckchen klingt, wird die Stadt still. Auch kleine Abenteurer brauchen Schlaf.“
Doch eines Abends blieb es still.
Kein „Kling… kling… kling…“ war zu hören. Nur der Wind zog durch das Ruppiner Tor. Kuno schaute nach oben und kniff die Augen zusammen. Dort war nur noch der kleine Haken zu sehen. Das Glöckchen war verschwunden.
„Hm“, brummte Kuno. „Ohne Glöckchen weiß ja niemand, wann Gransee zur Ruhe kommen soll.“
Also machte er sich auf die Suche. Auf dem Pflaster fand er ein kleines Stück Band. Dann entdeckte er feine Spuren an der Stadtmauer. Die Spur führte ihn vom Ruppiner Tor weiter durch Gransee, vorbei an alten Häusern und bis zu einem Busch nahe der Mauer.
Dort hörte Kuno plötzlich ein ganz leises Geräusch.
„Kling.“
Kuno schob vorsichtig die Zweige zur Seite. In dem Busch saß ein kleiner Vogel. Neben seinem Nest hing das verschwundene Glöckchen.
„Aha“, sagte Kuno streng. „Du hast also das Abendglöckchen vom Ruppiner Tor genommen.“
Der Vogel duckte sich und piepste leise:
„Ich wollte nichts Böses tun. Es klang so schön. Ich wollte, dass mein Nest auch klingelt, wenn der Wind kommt.“
Kuno sah den Vogel an. Dann schaute er zum Glöckchen. Er konnte verstehen, dass der kleine Vogel den Klang mochte. Aber das Glöckchen gehörte nicht in ein Nest.
„Dieses Glöckchen gehört zu Gransee“, sagte Kuno. „Wenn es am Abend klingt, wissen die Kinder: Der Tag ist zu Ende, die Stadt wird ruhig, und alle gehen nach Hause.“
Der Vogel nickte kleinlaut.
„Dann bringe ich es zurück.“
Gemeinsam brachten sie das Glöckchen zurück zum Ruppiner Tor. Kuno befestigte es wieder oben am alten Haken. Als der Abendwind durch den Torbogen zog, klang es wieder leise:
„Kling… kling… kling…“
Die Kinder wussten nun: Der Tag war zu Ende, Gransee kam zur Ruhe, und es war Zeit, nach Hause zu gehen.
Wenn man heute unter dem Ruppiner Tor steht und nach oben schaut, kann man noch den kleinen Haken sehen, an dem damals das Glöckchen befestigt war.

